Stardesigner Atil Kutoğlu hat sich seinen Platz am internationalen Modehimmel hart erkämpft und konnte mit ein bisschen Glück erreichen, wovon viele Designer nur zu träumen wagen. Seine Mode kleidet heute moderne und kosmopolititsche Frauen, die aktiv im Leben stehen und in Wien, Salzburg, London, New York oder auch Istanbul zuhause sein könnten. So gehören auch eine Reihe bekannter Persönlichkeiten zu seinen Kundinnen: Ex-Außenministerin Ursula Plassnik, Prinzessin Francesca von Habsburg, Prinzessin Ira von Fürstenberg, Elizabeth Jagger, Prinzessin Marie Christine von Kent, Lady Gabriella Windsor, die osmanische Prinzessin Nilüfer Sultan, Sonja Kirchberger, Barbara Wussow, Catherine Zeta-Jones, Jessica Alba, sowie Naomi Campbell und Heidi Klum. Der 1968 in Istanbul geborene Türke sieht sich selbst als Weltmensch und lebt heute in seiner Wahlheimat Wien.
Lucia: Wie sind Sie darauf gekommen ihren Weg als Designer zu gehen?
Atil: Ich war schon als Kind von vielen Kunstrichtungen geprägt, nahm in der Grundschule Balettunterricht, malte und zeichnete gerne. Überhaupt war ich, nicht zuletzt was die Bekleidung meiner Mutter und ihrer Freundinnen betraf, ein sehr aufmerksames Kind. Als ich dann Schüler am Deutschen Gymnasium in Istanbul war, ging ich mit meiner Mutter zu Modeschauen, und diese Welt faszinierte mich sofort! Ich skizzierte ganze Hefte voll Modezeichnungen, meine Mitschülerinnen wählten aus meinen Designs und ließen diese dann von Schneiderinnen verwirklichen. So veranstalteten wir Modeschauen zu Jahresende während der letzten 3 Jahre vor der Matura. Dann kam ich nach Wien und begann zunächst mein Betriebswirtschaftsstudium.
Lucia: Wann haben Sie dann gewusst, dass Modedesign das Richtige für Sie ist?
Atil: Eines Tages Ende der 80er Jahre, als ich unterwegs zur Wirtschaftsuni war, traf ich in der Strassenbahn zufällig den Wiener Bürgermeister Dr. Helmut Zilk und bat ihn spontan um seine Unterstützung. Er war mit Presseleuten in der Strassenbahn 43 Richtung Gürtel unterwegs, da eine neue
Linie eingeweiht wurde. Er lud mich ins Rathaus ein und half tatsächlich! Mir wurde eine Starthilfe von der Stadt Wien für meine erste Kollektion und Modeschau zur Verfügung gestellt, die auf der WU stattfand. Von da an wusste ich, dass ich in Österreich professionell den Beruf Modedesigner ausüben wollte.
Lucia: Welche Personen haben Sie dabei begleitet und am meisten geholfen?
Atil: Sicherlich Dr. Helmut Zilk, dann Dagmar Koller, die von der ersten Stunde an meine Kundin war. Auch das damalige Modesekretariat in der Wirtschaftskammer, die zuständigen Personen, die mich mit anderen 5-6 österreichischen Designern auf internationale Modemessen nach Paris, Mailand, Düsseldorf schickten. Die legendäre Modejournalistin der New York Times Bernadine Morris, die in den 90er Jahren mehrere Artikel über mich und meine Mode brachte, hat mich sehr unterstützt. Naomi Campbell, ist bereits mehrmals für mich in New York auf den Laufsteg gegangen! Spezieller Dank gebührt auch Hermine Fürnkranz, die als erstes großes österreichisches Modehaus meine Kollektionen führte.
Lucia: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für neue Entwürfe?
Atil: Es können mich vielerlei Dinge fur meine Kollektionen inspirieren. Einmal kann es ein alter Hollywoodfilm sein, den ich kürzlich irgendwo im Fernsehen angeschaut habe. Für meine allerneueste Kollektion Herbst/Winter 2011/12 wurde ich zum Beispiel von Alfred Hichcock’s „Vögel“ inspiriert! Eine Austsellung moderner Kunst kann es auch sein, aber am allermeisten bin ich von der Periode der „Wiener Werkstätte“ und deren Künstler angetan! Arbeiten von Koloman Moser, Joseph Hoffmann, und natürlich Schiele und Klimt lassen mich auch immer wieder auf neue Ideen und Kreationen kommen. Durch so einen Mix aus verschiedenen Inspirationsquellen entstehen dann meine Kollektionen.
Lucia: Inwiefern haben Ihre türkischen Wurzeln noch Einfluss auf Ihre Mode?
Atil: Natürlich sind meine türkischen Wurzeln auch ein wichtiger Grund dafür, dass ich mich sehr stark auch von der osmanischen und türkischen Kultur inspieren lasse. Und ich finde, dass die geographische Lage der Türkei als eine Brücke zwischen Ost und West, mit den kulturellen und architektonischen Erben der Byzanz und des osmanischen Reiches sehr starke Inspirationsquellen bietet. Für mich als Türkischstämmiger ist es sehr natürlich, diese Eindrücke in meine Mode einfließen zu lassen.
Lucia: Wie denken Sie über die Kopfbedeckung von muslimischen Frauen? Ist es für Sie religiöses Zeichen oder modisches Accessoire?
Atil: Es ist eigentlich beides… Das Kopftuch ist für vielerlei Frauen in der islamischen Welt eine Notwendigkeit, ohne die sie aus religiösen Gründen, nicht gehen können oder wollen. Aber heutzutage ist es durch eine jüngere und moderne Generation gleichzeitig zu einem modischen Accessoire geworden. Denken Sie mal an die Legenden Romy Schneider, Catherine Deneuve oder Ali McGraw in den 70er Jahren, diese Damen trugen auch Turbane oder Kopfbedeckungen als modische Accessoires!
Lucia: Denken Sie, dass Ihre Karriere in Istanbul einen ähnlichen Verlauf genommen hätte?
Atil: Ich denke, dass Wien der richtige Boden für meine Modekarriere war, oder dass ich Glück hatte und irgendwie die richtigen Leute getroffen habe, die mir weitergeholfen haben. Natürlich musste ich zuerst gute Arbeit leisten, mit meinen Kreationen internationale Modekritiker begeistern, damit ich auf meinem Weg Erfolg haben konnte. Aber ich denke und bin dankbar, dass mich Österreicher allgemein,
ob Politiker oder Presse, sehr unterstützt haben und mir zu meiner internationalen Karriere verholfen haben. Das zeigt meiner Meinung nach die feine Lebensqualität und das hohe Niveau der Zivilisation und Menschlichkeit in diesem Lande.
Lucia: Auf welche Designs waren Sie in Ihrer Laufbahn neidisch und welche Outfits hätten Sie gerne selbst entworfen? Die Konkurrenz ist ja sehr groß in dieser Branche.
Atil: Neidisch war, oder bin ich nie, aber ich habe immer wieder das Talent und die Kreativität von Alexander McQueen bewundert, insbesondere seine, ich glaube, vorletzte Kollektion mit den von Meeres-Kreaturen inspirierten Teilen. Oder mal bewundere ich Marc Jacobs, fur seine Überraschungen! Auch die schlichte Eleganz bei Michael Kors, und im Moment Jil Sander gefallen mir gut.
Lucia: Wie hat Ihnen die Zeit als Juror bei „Austrias Next Topmodel“ gefallen und was haben Sie daraus gelernt?
Atil: Was habe ich daraus gelernt?? Dass das Fernsehen ein sehr ernstzunehmendes und komplexes Phenomen ist. Es werden so viele Menschen mit einer Sendung angesprochen und man sollte dies für gute, belehrende und bereichende Zwecke verwenden, so würde ich sagen. Ansonsten hat mir die Zeit gut gefallen, aber es war viel anstrengender als ich dachte, diese Sendung zu drehen!
Lucia: Warum hat Ihnen die Julia aus der Steiermark so gut gefallen?
Atil: Weil die Julia ziemlich selbstsicher war und auch ein interessanter, anderer Typ ist – das ist immer gut in der Modelbranche. Dazu kommt, dass sie sich bei allen Aufgaben immer sehr bemühte.
Lucia: Hat sich Ihre Einstellung zu Models seit Ihrem Einsatz als Juror geändert? Inwiefern?
Atil: Ja, jetzt respektiere ich die Model-Branche, das „Model-sein“ noch viel mehr. Denn durch diese Sendung wurde mir klar, wieviel Einsatz, Mut, Anstrengung, Selbstbewusstsein und Härte in diesem Beruf und den Mädels stecken muss um in diesem Beruf wirklich weiterzukommen.
Lucia: Kommen wir noch zu einem anderen Nachwuchs: Was würden Sie jungen Modedesignern raten, um erfolgreich zu werden?
Atil: Schwer zu sagen…. Die Branche ist, wie viele andere, auch sehr hart. Aber auf jeden Fall: An sich selbst glauben, mit Entwürfen und Kollektionen originell und anders sein, dabei berühmten Designern möglichst nicht ähneln. Dann muss man noch gut kommunizieren und die schönen Arbeiten an Menschen heran bringen können – durch PR und Pressekontakte oder mächtige Menschen. Wichtig ist noch global zu denken, sich nicht nur auf ein Land oder einen Markt zu konzentrieren, sondern besser international zu agieren!
Lucia: Danke für das Gespräch und noch viel Erfolg weiterhin!